Marion Kemmerzell

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Pressestimmen, Rezensionen und Besprechungen - Gestern, im Jahr 634


Eine wahrhaft aufregende Reise durch eine ferne Zeit

Inspiration für diesen historischen Roman war neben einem 1992 im Frankfurter Dom gefundenen fränkisch-merowingischen Kindergrab das "Testament des Adalgisel Grimo", die älteste mittelalterliche Urkunde des Rheinlandes. Wir fallen mit der Autorin zurück in eine fremde Zeit, ins frühe Mittelalter, in die Zeit der Merowinger, in die Jahre des Übergangs von römischen Trümmern zur karolingischen Großmacht. Eine Zeit, die sowohl (populär)wissenschaftlich wie auch literarisch seltsam unterrepräsentiert scheint (manche schwurbeln ja sogar von "erfundenen Jahrhunderten"). Umso wichtiger ist es, dass Kemmerzell nicht nur spannend und sprachlich dicht zu erzählen weiß, sondern offenkundig auch sehr gründlich recherchiert hat . . . es ist neben der adäquat-kunstvoll-fremden und doch verständlich-nachverfolgbaren sprachlichen Ausformung gerade diese Genauigkeit auch im Detail, die diesen Roman so lesenswert macht. Wir verfolgen deshalb nur zu gern das Leben der Geschwister Ermengundis und Adalgisel genannt Grimo, ihre wahrhaft aufregende Reise durch eine ferne Zeit, geprägt von Pest und Krieg, aber auch von Liebe und durchaus auch (wieder)erstarkendem weiblichem Selbstbewusstsein (was sich z.B. in dem seinerzeit umstrittenen Wunsch nach der Einrichtung weiblicher Klöster äußert). Aufschlussreich ist da z.B. die Passage, in der König Otto (Chlothar) Recht zu sprechen hat: man erfährt hier u.a., dass das Leben eines freien Franken mit 200 Solidis aufgewogen wurde, das eines Mädchens mit der gleichen Summe und das einer "freie(n) Frau in dem Alter, da sie Kinder bekommen kann" mit 600 Solidis. Mit Kemmerzell begleiten wir Ermengundis und ihre Nachkommen durch das ganze 7. Jahrhundert, denn der Roman endet mit dem frühen Tod ihrer Ur-Ur-Enkel, die als 4jährige nach christlicher und(!) "heidnischer" Sitte dort begraben werden, wo dem Mönch Rendinus gestattet wird, in der Siedlung Franconofurd eine "steinerne Kirche" zu errichten.
Das kurze Nachwort endet mit diesen schönen Worten:
"Ich denke, dass es so gewesen ist.
Vielleicht."

Karsten Zimalla, Westzeit


Das Buch gehört in seiner literarischen Qualität und geschichtlichen Tiefe zum Besten, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Es führt eine Zeit des Zusammenpralls von Völkern und Kulturen in Mitteleuropa in plastischen Bildern und bewegenden Charakteren vor Augen.

Michael Best


Ganz gegenwärtig anmutende Fragen

Die Erzählung beginnt im Sommer 600 mit der Flucht einer Gruppe von Menschen vor der Pest aus Trier moselaufwärts nach Metz, per Segelfloß und Pferd und Wagen. Finsteres Mittelalter? Nein. Gestern, im Jahr 634, ist eigentlich wie heute: Krieg mit allem, was dazugehört. . . . Es hat sich seit dem 7. Jahrhundert nichts geändert. Der Roman könnte genauso heute spielen, etwa in der Ukraine. Und keine Religion, ob die christliche oder die vermeintlich heidnische, vermag zu trösten oder gar zu erlösen. . . .

Zur Sprache kommt das Alltagsleben im Mittelalter, bestimmt von Hunger und Kälte, von Verfolgung und Gewalt, von Höllendrachen, Werwölfen und gigantischen Ungeheuern, die einen wie König Merowech hervorgebracht haben sollen. Unerwartet lesen wir aber auch von ganz gegenwärtig anmutenden Fragen, etwa, ob Frauen für das Priesteramt taugen:

Die Hand des Taufenden sei es ein Bischof oder Diakon: es ist ein Mann , die auf dem Kopf der Frau liegt, ist aus Fleisch und Blut. Besser wär es, eine Schwester in Liebe zu Gott legte die Hand auf. Eine Schwester, die gelernt hat, den Weg zu gehen, der in die Halle des Himmels führt, und geduldig die Last frommer Bürde zu tragen und den Hals unter Christi liebliches Joch zu beugen.

Am Schluss des sorgfältig recherchierten Buches findet sich ein ausführliches Verzeichnis der fiktiven und historischen Personen, ein Glossar der Namen und mittelhochdeutschen Wörter sowie eine Liste der verwendeten Literatur zur Geschichte des Mittelalters und der Merowinger.

Gottes Plan sieht für uns Menschen keine Dauer vor. Nicht einmal bis zu der Welten Ende.

Jörg W. Gronius, Saarländischer Rundfunk



Ein wortgewaltiges Epos aus dem Mittelalter

Die aus Frankfurt stammende und in Saarbrücken lebende Autorin Marion Kemmerzell hat bei einer Lesung im Künstlerhaus ihren neuen Roman Gestern, im Jahr 634 vorgestellt.

. . . Am eindringlichsten blieb aus den Romanpassagen, die Kemmerzell las, jene hängen, in denen der junge Grimo mit seinem Freund Honorius durch die Straßen des nächtlichen Metz zieht. Dort bekommt er eine erschreckend junge Prostituierte angeboten, wohnt einem Hahnenkampf bei und wird in ein Verlies geführt, in dem Grendel haust, eine monströse Sagengestalt. Kemmerzell spart keine brutalen oder sexuellen Details aus, - bisweilen habe er das Buch zuklappen und sich einen Cognac genehmigen müssen, gestand Gronius. . . . 1992 wurde bei Grabungen unter dem Frankfurter Dom das Grab zweier Kinder gefunden. Eines, nach christlichem Ritus mit Goldschmuck und vornehmer Kleidung bestattet, daneben die Überreste eines Kindes, das in einem Bärenfell verbrannt worden war. Der spätere Dom ist genauso ausgerichtet, wie diese Kinder im Grab lagen. Das fand ich faszinierend, so Kemmerzell.

Die Autorin verwendet dabei laut Gronius eine Sprache, die Altertum und Gegenwart nicht vermengt, sondern synchron oszilieren lässt.

Einfacher ausgedrückt: Kemmerzell schreibt sehr bilderreich, meistens im Präsens und gebraucht dabei sowohl altertümliche als auch profane Begriffe der Gegenwart. Herausgekommen ist ein wortgewaltiges Epos aus dem Mittelalter, so wie es womöglich damals hätte stattfinden können.

Sebastian Dingler, Saarbrücker Zeitung


Einer der außergewöhnlichsten historischen Romane, den ich je gelesen habe

Das war wohl einer der außergewöhnlichsten historischen Romane, den ich je gelesen habe. Die Autorin hat sich eine spannende Zeit ausgesucht, über die es nur wenige Aufzeichnungen gibt, das 7. Jahrhundert, die Herrschaftszeit der Merowinger. Ein dunkles Zeitalter, die Römer sind Vergangenheit, die Germanen erstarkten, Karl der Große ist noch Zukunft.

Das Beeindruckendste an dem Roman ist sicher Kemmerzells Sprache, die im ersten Moment ungewohnt erscheint. Sie schafft eine perfekte Symbiose aus unauffälliger moderner Sprache und altertümlichen Begriffen, die sich mit all den wunderbaren Bildern zu einem wahren Echtzeiterlebnis zusammenfügt. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, denn gerade für Frauen war das Leben hart. Tod, Vergewaltigung, Hunger und Krankheiten haben den Alltag bestimmt.

Im Anhang finden wir einen Merowiger-Stammbaum, Listen von historischen Personen und ein ausführliches Glossar, das mir beim Lesen sehr hilfreich war.

Ich spreche hier eine eindeutige Empfehlung aus für alle, die sich nicht nur geschichtlich interessieren, sondern auch eine Vorliebe für Sprache haben . . . Ich bin jedenfalls restlos begeistert.

Buchblogger24 ein.Lesewesen


Marion Kemmerzell präsentiert mit Gestern, im Jahr 634 einen gut recherchierten und spannend rekonstruierten historischen Roman

Aus dem Testament des Verduner Diakons Adalgisel-Grimo aus dem Jahr 634 geht großer Landbesitz im Maas-Mosel-Raum hervor, sodass die Frage aufkommt, wer dieser Mann war.
Zwischen der Pest und blutigen Kriegen um die Thronfolge im Jahr 600 fliehen die Geschwister Grimo und Ermengundis im Kindesalter zusammen mit ihrer Tante Oda aus der Stadt Trier. Beide Geschwister kommen zur Ausbildung in verschiedene Klöster, sodass sich ihre Wege trennen über die Jahre wieder finden. Die verschlungenen Lebenswege erzählt Kemmerzell nüchtern und, bedingt durch Zeit- und Perspektivwechsel, fesselnd.
Besonders interessant ist die Glaubensspaltung der Menschen zwischen Christentum und Heidentum.
Der Erzählstil ist nüchtern, direkt und klar; Kemmerzell drängt sich dem Leser nicht auf. Die Erzählstimme versetzt durch die leicht altertümlich anmutende Sprache und die Natur- und Landschaftsbeschreibungen in die Szene hinein. Dadurch fühlt sich der Leser der Schönheit der Natur und der Welt wirklich nahe. Direkt im Gegensatz dazu werden die Grausamkeit und Rohheit des Mittelalters gesetzt; Tod, Mord und Krankheit werden ungeschönt und detailliert in Szene gesetzt. Diese Gegensätze schaffen eine dreidimensionale Beschreibung des Geschehens, lösen bisweilen Schwermut und Trostlosigkeit aus.

Kemmerzell gelingt das Kunststück, den Leser auf eine Zeitreise zu entführen. Sie erzählt nicht von heutigen Menschen, die sie ins Mittelalter versetzt, sondern lässt den Leser an Geschichten des Lebens von Männern, Frauen und Kindern vor mehr als 1500 Jahren teilhaben. Dies geschieht so real, dass das Buch sich nicht wie ein einfacher Roman liest. Vielmehr ist das Buch eine imaginierte Zeitreise.
Der Roman ist nicht nur historisch fundiert, sondern auch überaus spannend geschrieben.
Für Geschichts- und Mittelalterinteressierte hervorragend geeignet.


Johanna Falchi - Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen



Lesung in der wissenschaftlichen Stadtbibliothek am 4. Oktober 2023 (Copyright Stadtbibliothek Mainz)