Marion Kemmerzell





Saarbrücker Zeitung vom 27.10.2004

Oh, du gefährliches Kind
Marion Kemmerzells Roman

Saarbrücken. Eros und Thanatos gehen mitunter eine eigentümliche Verbindung ein. Im Roman „Abel Albrecht“, aus dem Marion Kemmerzell nun bei einer Werkstattlesung im Saar-Künstlerhaus las, kommen sich das Lebensspendende und das Lebensverzehrende so nahe, dass sie ununterscheidbar werden. Der Titel gebende rätselhafte und faszinierende Abel Albrecht bricht zerstörerisch in die Welt der Hauptfigur Elisabeth ein.

Wie schon in ihrem ersten Roman „Udug“, 1998 im Blieskasteler Gollenstein Verlag erschienen, lässt Kemmerzell auch in ihrem neuen Text die Realität brüchig werden. In Träumen und Rauschzuständen findet die Entwicklung der quälenden Beziehung Elisabeths mit Abel Albrecht in oft verstörenden Bildern barocker Fülle und hoher Symboldichte Ausdruck.

Kemmerzell, 1955 in Offenbach am Main als Tochter von Werner Klippert (lange Jahre Leiter der SR-Hörspielabteilung) geboren, studierte in Saarbrücken Rechtswissenschaften, Kunstgeschichte und Archäologie. Ihre Sprache ist offensichtlich an Kunstbetrachtung und -studien geschult: Die Dominanz des Visuellen in detaillierter Beschreibung kennzeichnen das Vorgetragene. Dabei schöpft Kemmerzell maßgeblich aus dem reichen Bilder- und Motivfundus des Barock. Der Kunstliebhaber Abel ist eine dem Barock entsprungene Figur, die in die Gegenwart gelangt. Sein Lebenshunger ist es, der den Menschen, die gleichermaßen fasziniert und abgestoßen von ihm sind, Unglück und Tod bringt.

Kemmerzell arbeitete vier Jahre lang an dem Buch. Dabei stellte ihr der eigene Text manche Falle. Da verschwimmt, gerade wenn es ans Träumen geht, die Grenze zwischen barockem Prunk- und manieristischem Schwulststil, sodass die Zunge ins Taumeln gerät. Ob dies zum Nachteil des Textes gereicht, lässt sich erst sagen, wenn Kemmerzell einen Verleger gefunden hat. Hinreichend interessant ist ihr Roman; der eine unglückliche Beziehungs- mit einer verwickelten Kriminalgeschichte und einer modernen Vampir-Version verbindet. „Ich möchte ein Kind von dir.“ Diese Worte Abel Albrechts sind der Auftakt der Beziehung mit Elisabeth. Welcher dunkle Trieb Abels es ist, der Elisabeth in eine schreckliche Zukunft führt, kann sie nur erahnen. Marion Kemmerzell ist zu wünschen, dass sie mit ihrem Roman-„Kind“ mehr Glück hat. cla